Männervorsorge?

Sinnvoll oder übertrieben?
Ein ehrliches Statement von Dr. Tobias Jäger
(Facharzt für Urologie)

Es gibt wenige Dinge in der Medizin, die immer wieder so heiß diskutiert werden wie das Thema Krebsvorsorge. Bringt die Vorsorge einen Vorteil oder werden Dinge diagnostiziert, die man besser erst gar nicht gefunden hätte? Die Sorge, durch die Vorsorgeuntersuchung erst krank gemacht zu werden, führt bei vielen Männern dazu, dass sie das Thema gerne verdrängen und sich durch die oft wenig differenzierte Berichterstattung zur Vorsorge dann auch noch bestätigt fühlen.

Tatsache ist, dass fast jede zweite Krebserkrankung beim Mann das urologische Fachgebiet betrifft. Krebs ist nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache.

„In der Altersklasse der jungen Männer zwischen 16 und 25 Jahren stellen Hodentumore die häufigste Krebserkrankung dar.“

Im höheren Lebensalter ist der Prostatakrebs die mit Abstand häufigste bösartige Tumorerkrankung. Während die bösartigen Tumore an den Hoden in aller Regel durch die jungen Männer selbst ertastet und anschließend diagnostiziert werden, gibt sich Prostatakrebs im Frühstadium nur im Ausnahmefall durch Beschwerden zu erkennen. Deswegen wird die Prostatakrebsvorsorge (die korrekterweise als Prostatakrebsfrüherkennung bezeichnet werden muss) beim Mann ab dem 45. Lebensjahr auch von allen Fachgesellschaften und von den Krankenkassen ohne Einschränkung empfohlen. Und dennoch ist die Früherkennungsuntersuchung weiterhin nicht unumstritten. Dies liegt aber nicht an der Tatsache, dass die diagnostischen Möglichkeiten zu ungenau sind; vielmehr geht es darum, dass es verschiedene Varianten von Prostatakrebs gibt, die zwar alle zu den bösartigen Tumorerkrankungen gezählt werden müssen, aber eine sehr unterschiedliche Tumorbiologie aufweisen. Ein Teil der Tumore wächst sehr langsam und ist relativ harmlos, so dass der Mann auch mit der „Erkrankung“ seine natürliche Lebenserwartung erreicht, ohne den Krebs je zu bemerken. Kurz gesagt: der Mann verstirbt irgendwann mit seiner Tumorerkrankung, keineswegs aber an dieser Krankheit. Diese Variante wird deswegen auch gerne als „Haustier des Mannes“ bezeichnet und eigentlich kann das Ziel der Krebsvorsorge nicht darin bestehen, diese Art von Tumoren zu finden. Hier würde dann tatsächlich eine Überdiagnose gestellt, die einen gesunden Mann allein durch die Vorsorge zu einem kranken Mann macht – mit all seinen Folgen und insbesondere einer erheblichen psychischen Belastung durch das Wissen um die Erkrankung.

Und genau an dieser Stelle kommt der PSA-Wert ins Spiel, dessen Nutzen immer wieder bestritten wird. Beim PSA handelt es sich um ein Eiweißmolekül, welches in der Prostata gebildet wird und über eine Blutentnahme zu bestimmen ist. Die Abkürzung PSA steht übrigen für Prostata-Spezifisches-Antigen. Auch die kerngesunde Prostata produziert ein gewisses Maß an PSA, bei dem einen Mann etwas mehr, beim anderen Mann etwas weniger. Der individuelle Normalwert kann also durchaus unterschiedlich ausfallen. Prostatakarzinome produzieren aber signifikant mehr PSA als gesundes Gewebe. Hierdurch kann eine Vielzahl der Prostatakarzinome mit hoher Wahrscheinlichkeit frühzeitig identifiziert werden, im Durchschnitt über 5 Jahre, als mit anderen diagnostischen Maßnahmen. Die Frage aber ist, ob wir wirklich alle Tumore der Prostata finden wollen! Die Antwort hierauf ist einfach! Sie lautet: NEIN!!! Wir wollen im Rahmen der Vorsorge nur die aggressiven Tumore finden, die es zweifellos auch gibt. Die aggressiven Tumore metastastasieren, machen Beschwerden und verkürzen das Leben.

Die häufig formulierte These, dass Prostatakrebs grundsätzlich harmlos ist und besser nicht gefunden wird, ist bezogen auf diese Art von Prostatakrebs schlichtweg falsch! Jährlich versterben in Deutschland rund 14.000 Männer an Prostatakrebs, d.h. dass etwa 10% alle krebsbedingten Todesfälle beim Mann auf ein Prostatakarzinom zurückzuführen sind.  Einen Vorschlag, wie diese Rate gesenkt werden kann, bleiben die Kritiker der Vorsorgeuntersuchung leider schuldig. Ganz im Gegenteil: die Verunsicherung, die hierdurch bei den Männern entsteht, trägt dazu bei, dass nur jeder vierte Mann eine Krebsvorsorge in Anspruch nimmt. Drei von vier Männern gehen nicht zur Vorsorge und gehen dabei das Risiko ein, dass eine Krebserkrankung beim Auftreten von Beschwerden bereits fortgeschritten und damit nicht mehr heilbar ist.

Im Rahmen der Früherkennungsuntersuchung gelingt es uns mittlerweile sehr gut, die aggressiven Tumore von den harmlosen Tumoren schon vor einer Diagnosestellung zu unterscheiden und damit das Risiko einer Überdiagnostik und Übertherapie zu minimieren. Und gerade hierbei spielt der PSA-Wert die entscheidende Rolle! Betrachtet man die Entwicklung des PSA-Wertes über die Zeit, also über viele Jahre, steigt der Wert bei den meisten Männern altersbedingt langsam an. Hierfür ist meist ein gutartiges Wachstum der Prostata verantwortlich. Theoretisch kann ein langsamer Anstieg des Wertes auch auf einen Prostatakrebs zurückzuführen sein, jedoch zeichnet sich der aggressive Prostatakrebs durch einen schnellen, steilen Anstieg des PSA-Wertes aus. Und nur in diesem Fall macht eine weitere Diagnostik Sinn. Der langsame Anstieg wird beobachtet und es erfolgen keine diagnostischen oder therapeutischen Schritte.

„Mit diesem Konzept (PSA-Wert bestimmen) gelingt es immer besser, nur die Tumore zu diagnostizieren, die auch einer Behandlung bedürfen.“

So kann der aggressive Prostatakrebs in einem heilbaren Frühstadium gefunden werden. Die harmlosen Tumore, bei denen niemand von der Diagnosestellung profitiert, werden hierbei weitestgehend „herausgefiltert“.

Natürlich hätten wir noch lieber ein diagnostisches Instrument, bei dem es nur rot oder grün, böse oder harmlos gibt. In qualifizierten Händen gelingt diese Trennung aber auch jetzt schon, so dass die Krebsvorsorge einen besseren Ruf verdient hätte!